Die Menschheitsgeschichte wird im georgischen Dmanisi neu geschrieben
Artikel erschienen am 14/02/2005
Von Marie ANDERSON
in Tiflis
Ubersetzt von Barbara GRABSKI
Er ist nur 1,50m groß, mit länglichem, flachen Schädel und einem weit nach vorn abstehenden Gesicht: Homo Georgicus, der Mensch, der im Jahr 2001 die Geschichte der Menschheit revolutioniert hat. Oder genauer gesagt, vor 1,8 Millionen Jahren, als er die afrikanische Wiege verlassen haben und nach Europa ausgewandert sein soll.
Seine Entdeckung verdankt der Homo Georgicus der Hartnäckigkeit eines internationalen Teams unter der Führung von David Lordkipanidse, der die Ausgrabungen im georgischen Dmanisi leitet und als Paläoanthropologe beim georgischen Nationalmuseum beschäftigt ist. Professor Lordkipanidse, der kürzlich den angesehenen Rolex-Preis für Unternehmungsgeist erhalten hat, arbeitet weiter an seinen Ausgrabungen. Ein Blick auf Dmanisi, eine der Heimstätten der ersten Europäer der Menschheit.
Die Geschichte nahm ihren Anfang im September 1991, am Rande des Südkaukasus. Wie alle außergewöhnlichen Geschichten wird auch diese zu einer Legende über die Hartnäckigkeit einer kleinen Gruppe von Menschen. Am letzten Tag ihrer Ausgrabungsexpedition entdecken Professor Lordkipanidse und sein internationales Team von Paläoanthropologen den Unterkiefer eines Hominiden. Was sie in dem Augenblick noch nicht wissen, ist, dass sie soeben auf die Skelettreste eines der ersten Europäer gestoßen sind.
Die Ausgrabungsstätte befindet sich am Fuß der mittelalterlichen Stadt Dmanisi, 80 Kilometer südwestlich der georgischen Hauptstadt Tiflis gelegen.
In Dmanisi finden seit 1936 Ausgrabungen statt, bei denen Archäologen die Reste eines tausendjährigen Schlosses zu Tage fördern. Mit der Entdeckung eines Rhinozeros-Zahns aus dem Pleistozän weckte Dmanisi 1983 das Interesse der paläontologischen Gemeinschaft. Doch der Standort hielt noch weitere überraschende Entdeckungen bereit – die des Unterkiefers, der heute unter dem Namen D211 bekannt ist, stellte sich erst als der glückliche Anfang heraus.
Innerhalb von rund einem Jahrzehnt und mehreren Ausgrabungssaisons wurden vier Schädel und drei Kiefer zu Tage gefördert. Eine selten reichhaltige Ausbeute an einem einzigen Standort, doch nicht da liegt die Besonderheit.
Die Hominiden-Überreste aus Dmanisi wurden zunächst auf 1,6 Millionen Jahre geschätzt und damit dem Homo Erectus zugeordnet. Doch eine 2001 durchgeführte Datierungsstudie hat die internationale Wissenschaftsgemeinschaft erschüttert. Eine neue Zahl wurde ins Spiel gebracht, und mit ihr eine Theorie zur ersten Auswanderung des Menschen aus Afrika: der Dmanisi-Hominid ist 1.810.000 Jahre alt.
Infragestellung der Theorie zur Auswanderung des Menschen aus Afrika
Die Ausgrabungen in Dmanisi haben die Theorie über die Auswanderung des Menschen aus Afrika revolutioniert. «Vor unserer Entdeckung schätzte man, dass die erste Auswanderung aus Afrika und die Ankunft in Europa über die Levante vor einer Million Jahren stattgefunden hat. Die Hominiden-Überreste, die wir zu Tage gefördert haben, sind jedoch über 1,8 Millionen Jahre alt: die erste Auswanderung des Menschen aus Afrika ist damit doppelt so lange her», erinnert sich David Lordkipanidse in seinem Büro im Nationalmuseum in Tiflis.
Die Kenntnisse und Theorien über die ersten Hominiden auf eurasischem Boden werden davon erschüttert. «Vor der Entdeckung in Dmanisi glaubte man, es habe sich beim ersten Menschen außerhalb Afrikas um eine späte Form des Homo Erectus gehandelt, also einer relativ hoch entwickelten Menschenart mit einer Schädelkapazität von etwa 1000 cm3. Wir haben nun aber eine Gruppe von wesentlich älteren Hominiden gefunden, deren Schädelkapazität nur 600 cm3 beträgt und die sich vom klassischen Homo Erectus deutlich unterscheiden», fährt Professor Lordkipanidse fort.
Diese Gruppe, die zwischen dem Homo Habilis und dem Homo Erectus oder vielleicht sogar zwischen Homo Habilis und Homo Ergarster einzuordnen ist, könnte zu einer neuen Hominiden-Art gehören: dem Homo Georgicus. «Alles lässt darauf schließen, dass der Homo Georgicus körperlich und technologisch wenig entwickelt war», erläutert er.
Der Dmanisi-Mensch verfügte mit seinen beschränkten intellektuellen Fähigkeiten in der Tat über eine wesentlich primitivere Technologie als der Homo Erectus. Die Werkzeuge, die man ausgegraben hat, sind prä-oldowayisch, das heißt sie ähneln denen, die man in Afrika (Tansania) gefunden hat und die auf 2,5 Millionen Jahre geschätzt werden.
Mit dem Fund von Dmanisi ist eine Neuformulierung der Hypothesen zu den ältesten Menschen erforderlich geworden, die sich von Afrika aus verteilt und die Pforten Europas erreicht haben: tatsächlich waren sie weder sehr groß noch aufrecht gehend und hatten vor allem kein ausreichend großes Gehirn, um die neue Welt zu erobern. Der Homo Georgicus ist das fehlende Glied in der Kette, die Menschenart, nach der viele gesucht haben, um die Anfänge des Menschen außerhalb Afrikas zu begreifen.
Dmanisi als Schmelztiegel für die junge Garde der Paläontologen
Dmanisi beherbergt heute die größte paläoanthropologische Sammlung der Welt. Sie bietet den seltenen Vorteil, dass – an einem einzigen Standort – die verschiedenen Spezies sowohl einzeln als auch im Zusammenhang mit einer Population (Technologie, Kultur, Umwelt) untersucht werden können.
Zu jeder Sommersaison strömen Forscher aus allen Ecken der Welt hierher. Etwa fünfzig Nachwuchs-Wissenschaftler aus den USA, Frankreich, Italien, der Schweiz oder Spanien drängen sich jedes Jahr auf diesen paar Quadratmetern georgischen Bodens. Das Ausgrabungsteam ist gleichzeitig international und pluridisziplinär.
Dmanisi ist nicht nur Ausgrabungsstätte, sondern auch Ausbildungsstandort. «Wir tragen zur Ausbildung der jungen Generation von georgischen, aber auch ausländischen Paläontologen bei, insbesondere Franzosen», sagt Lordkipanidse, der selbst französisch spricht ist und mehrere Jahre lang in Frankreich gelebt hat.
Die Ausgrabungsstätte hat noch lange nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben. Erst 2% des Gebiets sind erforscht. Die junge Forscherriege träumt bereits davon, neue Hominiden-Überreste zu finden. Darüber hinaus bieten weitere Standorte in der Region, in denen sich die selbe geologische Schicht findet wie in Dmanisi, Perspektiven für zukünftige Ausgrabungsstätten. Menschliche Überreste sind dort noch nicht entdeckt worden, wohl aber Werkzeuge, die denen des Homo Georgicus ähneln.
Erkenntnis und Anerkennung
Die Ausgrabungen in Dmanisi werden heute im Wesentlichen über internationale Forschungsstipendien finanziert (National Geographic, Leakey Foundation, Europäische Union) – ein Beweis für das große Interesse, das der Standort hervorruft. Der georgische Staat ist ebenfalls präsent, doch die finanziellen Hilfen sind noch nicht ausreichend. Obwohl zahlreiche Stipendien ausgeschrieben sind, konnten mangels finanzieller Mittel noch nicht alle Skelettreste, die bisher entdeckt wurden, ausgewertet werden.
Im Oktober 2004 hat David Lorkipanidse den Rolex-Preis für Unternehmungsgeist erhalten. Dieser Preis, mit dem zum ersten Mal eine Initiative in einem Land Osteuropas ausgezeichnet wurde, ist weit mehr als eine finanzielle Hilfe: für dieses Stück des georgischen Kulturerbes bedeutet er gleichzeitig weltweites Prestige und Anerkennung.
Der mit 100.000 Dollar dotierte Preis hat außerdem den Start eines ambitionierten Projekts ermöglicht: ein schützender Dom soll gleichzeitig ein Feldlabor für die Forscher sein und ein interaktives Museum für das breite Publikum ermöglichen.
Dieser über 2000 m2 große Dom aus Stahl und Glas, deren Baubeginn für das Frühjahr 2005 geplant ist, soll es ermöglichen, dem steigenden Interesse des Publikums... und dem von eventuellen Plünderern standzuhalten.
Um Plünderungen entgegenzuwirken, die an Ausgrabungsstätten zum Mittelalter oder zur Bronzezeit bereits vorgekommen sind, reformiert die georgische Regierung im übrigen gerade ihre Gesetzgebung zum Schutz des kulturellen Erbes, auf der Grundlage des französischen Modells.
Georgien beabsichtigt nicht nur den Schutz, sondern auch die Förderung seines Kulturerbes. Vor diesem Hintergrund wurde am 31. Dezember 2004 auf Beschluss des Präsidenten Michail Saakaschwili eine neue Einrichtung gegründet: das georgische Nationalmuseum.
Leiter dieser neuen administrativen Einheit, die das georgische Nationalmuseum, das Museum der Künste, das ethnologische Museum und das Karvasla-Museum für Geschichte umfasst, ist David Lordkipanidse, der sich auch weiterhin aktiv an der weltweiten Bekanntmachung der verborgenen Schätze des Kaukasus beteiligen will. Was die Ausgrabungsstätte in Dmanisi betrifft: diese könnte 2007 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden.
© CAUCAZ.COM | Artikel erschienen am 14/02/2005 | Von Marie ANDERSON
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