Georgien: die katholische Kirche und ihr juristischer Status
Artikel erschienen am 18/07/2005
Von Florence MARDIROSSIAN
in Tiflis
Ubersetzt von Gudrun STAEDEL-SCHNEIDER
Monsignore Gujerotti, seit 2002 Botschafter des Vatikans für die drei Republiken des Südkaukasus, ist der dritte apostolische Nuntius für diese Region seit dem Zerfall der Sowjetunion. Nachdem er 16 Jahre lang für den Heiligen Stuhl bei der Kongregation für die Ostkirchen im Kaukasus gearbeitet hat, leitet er z. Zt. die Nuntiatur, die 1992 in Tiflis eröffnet wurde. Ein Interview.
Die katholische Kirche ist in Georgien seit dem dritten Jahrhundert vertreten. Sie hat die Wechselfälle der Geschichte des Landes überlebt, insbesondere die der sowjetischen Ära. Wie geht es ihr heute?
Die Ausbreitung der UdSSR auf Georgien bedeutete die offizielle Unterbrechung der Aktivitäten der Kirche. In Tiflis blieb die Kirche St. Peter und Paul trotzdem immer geöffnet.
Bis zum Beginn der kommunistischen Herrschaft gab es in Georgien ca. 90-100.000 Katholiken. Aber nach 70 Jahren des atheistischen Sowjetsystems war der Kontakt mit ihnen in den Städten einigermaßen erschöpft, während er in den Dörfern leichter wieder belebt werden konnte. Dieses Phänomen ist, zumindest teilweise, der ungenügenden Zahl georgischer Priester der katholischen Kirche geschuldet. Tatsächlich gibt es heute einen einzigen georgischen Priester in Georgien, alle übrigen sind Priester aus Polen und Italien, die die lateinische Liturgie ins Georgische übersetzen.
Die katholische Gemeinschaft in Georgien ist heute in drei Richtungen geteilt: römisch-katholisch, armenisch und assyrisch. Sie konzentrieren sich in Javachetien im Süden des Landes, aber es gibt auch signifikante Gruppen in Batumi, Kutaissi und Tiflis.
Müssen die Katholiken in Georgien eine Übernahme durch die zahlenmäßig stärkere orthodoxe Kirche fürchten?
Diese Problem betrifft vor allem die römisch-katholische Fraktion der Katholiken in Georgien, da die armenisch-katholischen Kirchen, die überwiegend in Javachetien beheimatet sind, ihre Funktion behalten haben. Was die assyro-chaldäische katholische Kirche betrifft, so ist sie in einer römisch-katholischen Kirche in Tiflis untergebracht.
Die georgischen Katholiken fragen sich, wie es in dieser postrevolutionären Zeit, in der alle Welt von Demokratie und Freiheit spricht, möglich ist, dass ihre Kirchen geschlossen bleiben oder von den Orthodoxen vereinnahmt werden. Einige sind praktisch orthodoxe Kathedralen geworden, so in Gori, Batumi oder Kutaissi. Nicht zu vergessen die Zerstörung des Innenraumes einer katholischen Kirche in Gori, mit dem Ziel, alles Katholische zu entfernen. Die katholischen Bürger Georgiens verstehen nicht, warum ihre Rechte nicht genauso anerkannt werden wie die der orthodoxen Georgier.
In Georgien wurden auch radikale Gruppen identifiziert. Wie ist die Haltung der neuen Führer gegenüber diesem religiösen Fanatismus?
Ein Priester ist z.Zt. im Gefängnis, weil er eine Gruppe von Fanatikern um sich versammelt hat. Nach der Rosenrevolution wurde er von der orthodoxen Kirche exkommuniziert. Obwohl er sehr aktiv war, haben die Behörden vor dem Amtsantritt von Michail Saakaschwili zu keinem Zeitpunkt Schritte gegen ihn eingeleitet. Es hat überall in Georgien Gruppierungen dieser Art gegeben.
Man kann sagen, dass die neue Regierung niemals extremistische Positionen gefördert hat, weder religiöse noch pseudo-religiöse. In diesem Bereich hat sie etwas unternommen, so dass man heute nicht mehr von einem wirklichen religiösen Fanatismus in Georgien sprechen kann.
Kleine Gruppierungen schädigen auch weiterhin die Kirchen oder bereiten den Gemeinschaften religiöser Minderheiten, besonders den neuen Denominationen wie den Baptisten, Zeugen Jehovas, Mormonen oder Krishnas, Probleme. Aber dieses Phänomen ist heute nicht mehr so massiv.
Welches sind die größten Probleme, denen die georgische katholische Kirche begegnet?
In der kommunistischen Ära waren die Beziehungen zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche sehr gut. Mit der Unabhängigkeit Georgiens stellte sich die Frage der nationalen georgischen Identität. Die Bevölkerung wurde mit enormen wirtschaftlichen Problemen konfrontiert und kompensierte dies mit einem übersteigerten Nationalismus, um sich in ihrer eigenen Identität zu bestätigen.
Unter der Präsidentschaft von Zwiad Gamsachurdia, dem ersten georgischen Präsidenten nach dem Zusammenbruch der UdSSR, musste also ein Konzept der nationalen und religiösen Identität erarbeitet werden, das, ohne chauvinistisch zu sein, den kulturellen georgischen Wurzeln treu blieb.
Die ersten Probleme betrafen die Besitzverhältnisse. Die katholischen Kirchen, die während der kommunistischen Herrschaft geschlossen waren, wurden von den Orthodoxen wieder geöffnet, die begonnen haben, dort ihren Glauben zu praktizieren. Dies war vor allem außerhalb von Tiflis zu beobachten und vollzieht sich auch heute noch so. Bisher konnte keine Lösung gefunden werden.
Der Grund dafür liegt im völligen Mangel einer Gesetzgebung für die Kirchen in Georgien. Dieses Problem betrifft nicht nur die religiösen Minderheiten, sondern auch die orthodoxen Georgier: erst vor zwei Jahren hat die orthodoxe Kirche mit dem Staat ein Konkordat geschlossen, mit dem sie einen präzise umrissenen juristischen Status erlangte.
Jetzt muss es also darum gehen, einen solchen juristischen Status auch den religiösen Minderheiten zuzuerkennen, besondern den Armeniern, Moslems, Juden und Katholiken.
Die Minderheiten haben also Verhandlungen geführt, um dieses juristische Loch zu stopfen ...
Seit Jahren wird darüber gesprochen, ein Religionsgesetz zu verabschieden, aber bisher ist nichts geschehen. Im Gegenteil, die Behörden denken daran, die Frage nicht über ein solches Gesetz zu regeln, sondern die Minderheitengruppen zu registrieren, indem sie leichte Änderungen im bürgerlichen Gesetzbuch vornehmen.
Vor zwei Monaten haben sie vorgeschlagen, die Gemeinschaften als Elemente des Privatrechts zu registrieren und nicht des öffentlichen Rechtes. Einige Gemeinschaften haben diese Möglichkeit akzeptiert, andere nicht. Die juristischen Änderungen bringen nichts Neues, aber die öffentliche Meinung ist inzwischen davon überzeugt, dass es heute möglich ist, diese Gemeinschaften zu registrieren.
Aber die Diskussion ist immer noch im Gange: die Religion muss ihren Platz in der heutigen georgischen Gesellschaft finden. Dafür muss man verstehen, was es mit der Religion an sich auf sich hat und mit ihrem Bezug zum Gesetz. Dieser Gedankengang ist hierzulande absolut neu, da das einzige Konzept von Religion, was bisher existierte, jenes des atheistischen marxistischen Staates war.
Es ist genauso schwierig, geeignete und entsprechend vorbereitete Gesprächspartner für diese Art Fragen zu finden. Vor eineinhalb Jahren haben wir versucht, ein Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und Georgien zu schließen, um eine Möglichkeit für eine Registrierung der katholischen Gemeinschaft zu schaffen. Tiflis hat den Außenminister des Vatikans eingeladen, um dieses Abkommen zu unterzeichnen. Aber am Vorabend der Unterzeichnung haben sie sich unter dem Druck der Jugend auf den Straßen zurückgezogen.
Wer weist diese Vorstöße zurück?
In Georgien gibt es nicht wie in Europa eine klare Trennung zwischen Kirche und Staat. Einige sagen, dass die Georgier diese Trennung nicht wollen, aber man kann nicht genau sagen, woher diese Verweigerung kommt.
Das Patriarchat hat für sich die juristische Registrierung der traditionellen Kirchen ausgesprochen. Aber dieser Hirtenbrief wurde vergangenes Jahr zu Weihnachten geschrieben. Man weiß nie, mit welchem Gesprächspartner man verhandeln soll, und der Dialog ist immer wieder von langen Perioden des Schweigens unterbrochen.
Die Lösung dieses Problems lässt eher deshalb länger auf sich warten, weil die Behörden schweigen, und weniger, weil sie den öffentlichen Dialog verweigern.
Die fehlende Registrierung der katholischen Kirche, die damit als juristische Größe nicht existiert, bedeutet auch, dass ihre Struktur nicht anerkannt wird. Der Bischof ist z.Zt. ein Privatbürger, die Besitztümer der Kirche laufen auf die Namen der Priester oder von Privatpersonen. Die Kirche existiert nicht als Kirche.
Georgien war bereits in den 90er Jahren diesbezüglich Gegenstand einer scharfen Ermahnung des Europarates.
Was hat der Europarat seither unternommen, da dieses Problem noch nicht gelöst ist?
Nichts. Er hat weiter Empfehlungen ausgesprochen, dann aber praktisch vergessen. Dies ist möglicherweise ein Problem mangelnder Informationen über die aktuelle Situation. Da es keine öffentlichen Gewalttätigkeiten gibt, denken diese Institutionen, dass alles in Ordnung ist.
Die Kontakte zwischen den Gemeinschaften der religiösen Minderheiten und dem georgischen Staat sind immer noch selten. Eine Ausnahme stellt der Ombudsmann dar (Beauftragter zur Verteidigung der Rechte des Bürgers gegenüber der Staatsmacht, Anm. d. Red.), der versucht darauf hin zu wirken, doch man hat den Eindruck, dass die Regierung dieser Frage keine Priorität beimisst.
In der Zwischenzeit hat sich die Lage der Armenier mehr und mehr zugespitzt. In ihrem Fall handelt es sich nicht nur um vier oder fünf Kirchen, sondern um ein ethnisches Problem. Die Armenier sind in Georgien zahlreich vertreten und die Frage der Religion und ihrer Akzeptanz sensibilisiert die gesamte Gemeinschaft.
Unterhält die orthodoxe Kirche Georgiens Beziehungen mit allen anderen religiösen Gruppen?
In Georgien gibt es eine große Toleranz in religiösen Fragen. Ich habe keinerlei Gewalt gegen die sogenannten traditionellen Religionen feststellen können. In Tiflis gibt es armenische, protestantische und katholische Kirchen, Synagogen und eine Moschee. Es ist ein Zeichen grundlegender Toleranz, das sehr wichtig ist.
Was die Priester der russisch-orthodoxen Kirche betrifft, die dem georgischen Patriarchat unterstehen, scheinen die Beziehungen gut zu sein. Gleiches gilt für die griechisch-orthodoxen und georgisch-orthodoxen Kirchen. Im Gegenzug bezeichnet die georgische orthodoxe Kirche den Protestantismus als eine nicht-traditionelle Religion.
Die reformierten Kirchen werden zudem als Bekehrungseiferer beschuldigt, was weder die Katholiken noch die armenische Kirche als eine nationale Kirche praktizieren.
Mit den Sekten sind die Beziehungen gespannter, ein Problem, das auf den gesamten Südkaukasus zutrifft.
Einige Gruppen zitieren das Beispiel der USA, wo es keinerlei Unterschiede juristischer Art gibt zwischen traditionellen Religionen und Sekten, wo die Gesamtheit der religiösen Gruppen dem Privatrecht unterliegen. Anders in Georgien, wo eine einzige Kirche dem öffentlichen Recht untersteht und einen besonderen Status genießt, während alle anderen religiösen Gruppen als juristische Größe nicht existieren.
Vielleicht erschrecken Ihre Forderungen Tiflis?
Ich denke nicht, dass es in Georgien eine religiöse Minderheit gibt, die für sich die gleichen Privilegien reklamiert wie die georgische orthodoxe Kirche, aber eine Lösung der rechtlichen Fragen muss gefunden werden, besonders für die Frage der Besteuerung. Die Steuern sind besonders hoch für die humanitäre Hilfe für die Armen, sie können sich auf bis zu 37 % belaufen.
Obwohl der georgische Staat diese Hilfen anfordert, muss man beachtliche Beträge davon an ihn zurückleiten. Aber solange wir vor dem Gesetz nicht als Kirche existieren, sondern nur als Privatorganisation, solange werden die Probleme andauern.
Falls die Situation sich nicht klärt, denken wir darüber nach, die notwendigen diplomatischen Kanäle zu nutzen. Dies ist weder eine Drohung noch Erpressung, sondern schlicht der Wunsch, über den Weg der Kommunikation aus dieser Sackgasse heraus zu kommen. Ich bin davon überzeugt, dass alles geklärt werden wird.
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