Gibt es Platz für den Islam im christlichen Georgien von Michail Saakaschwili? [1/3]
Artikel erschienen am 06/08/2005
Von Bayram BALCI
in Tiflis, Batumi, Marneuli, Pankisi
Ubersetzt von Werner WUTHRICH
Welcher Glaubensrichtung sie auch angehören mögen, die georgischen Muslime empfinden immer mehr Unbehagen, sich mit der neuen nationalen Ideologie zu identifizieren, die das Regime von Saakaschwili errichtet. Ihre geringe Identifikation mit einem Staat, der deutlich seine Hingabe an christliche Werte erklärt, riskiert in den kommenden Jahren die Verständigung abzuschwächen, welche schon jetzt nur mit Mühe zwischen den stark islamisch geprägten Provinzen bzw. Distrikten und der Hauptstadt aufrechterhalten wird. Umfrage in drei Teilen.
Haben die Akteure des georgischen Islams eine Marginalisierung zu befürchten? [1/3]
Als Zentrum der neuen nationalen Ideologie in Georgien lebt die georgische Kirche mit einer georgischen Variante des Islams zusammen, die im Land seit den Anfängen der islamischen Eroberungen trotz der seit der Unabhängigkeit laufenden Christianisierung präsent ist, sei es in Tbilissi, in der Region von Kvemo Kartli, wo die Bevölkerung mehrheitlich aserische Schiiten sind oder in Adscharien.
Am Vorabend seines Machtantritts nimmt der georgische Präsident Michail Saakaschwili eine neue Nationalflagge an, die klar die Zugehörigkeit seines politischen Regimes zu den christlichen Werten bekennt. Die fünf Kreuze (des Königs David), die auf dieser neuen Fahne stehen, sollen zeigen, dass das Land an seine christliche Vergangenheit anknüpfen will und dass es die christliche Spiritualität wieder ins Zentrum des nationalen Aufbaus stellen will. Die entscheidende Rolle der Kirche in der Geschichte Georgiens, eines der ersten Staaten, die das Christentum – nach Armenien – als offizielle Religion einführten, erklärt zum grossen Teil, warum nach 70 Jahren eines militanten Atheismus in der UdSSR und seit seiner Unabhängigkeit, der Staat das Christentum im Geist des neuen Regimes wieder eingeführt hat. Versammelten sich die georgischen Nationalisten im 19. Jahrhundert nicht auch schon unter der Devise: «Sprache, Vaterland und (christlicher) Glaube»?
Trotzdem blüht der Islam heute in Georgien. Diese georgische Variante ist sowohl in der Region von Kvemo Kartli präsent, wo die Bevölkerung mehrheitlich schiitische Aseris sind und in Adscharien, wo der Islam noch immer ziemlich vertreten ist, trotz einer seit der Unabhängigkeit laufenden Christianisierung.
Georgien hat noch andere islamische Regionen: eine kleine Minderheit in Abchasien sowie 12.000 Kistiner (die mit den Tschetschenen verwandt sind) im Pankissital gehören dem georgischen Islam an, aber ihre zahlenmässig geringe Stärke erlaubt es nicht, von Einfluss zu sprechen, wie übrigens auch bei den islamischen Mescheten, von denen eine kleine Minderheit es schaffte, nach einigen Jahrzehnten der erzwungenen Wanderschaft zwischen Mittelasien und Russland in die Heimat zurückzukehren.
Islamisierung des Landes
Der Islam erscheint auf dem Territorium des heutigen Georgiens seit Beginn der arabischen Eroberungen. Nach dem 8. Jahrhundert wird das Land zu einem arabischen Emirat. Aber 1122 ändern die Machtverhältnisse, als der König David IV Tbilissi erobert, um es zur Hauptstadt eines christlichen georgischen Staates zu machen.
Die wirkliche Einführung des Islam im Land ist das Werk von zwei islamischen regionalen Mächten, dem Reich der Safawiden des Irans und der Ottomanen, die sich mal einander folgend, mal gleichzeitig auf dem Gebiet des heutigen Georgiens festsetzen. Die safawidische Herrschaft war das Resultat der Migration von türkischen Stämmen, die veranlasst wurden, in diese Gebiete zu ziehen und erlaubte eine gründliche Islamisierung von einigen Regionen, vor allem von Kvemo Kartli und seiner Umgebung. Die Islamisierung von Adscharien begann später in einem andern Zusammenhang und war mehr oberflächlicher Natur.
Seit dem 19. Jahrhundert schwächt das Verschwinden der beiden islamischen Mächte, der Safawiden und der Ottomanen, im Kampf gegen das christliche Russland der Zaren, den Islam in ganz Georgien, ohne ihn jedoch ganz zum Verschwinden zu bringen.
Die imperiale russische Politik im Kaukasus, wie auch in den andern islamischen Regionen, schwankte lange Zeit zwischen Toleranz und orthodoxem Bekehrungseifer.
Die Perestroika und der Wind der religiösen Freiheit
Während der Sowjetzeit versuchte das atheistische Regime, alle Religionen in der UdSSR, ganz besonders den Islam, zu vernichten. Seit 1944 wurde diese antireligiöse Politik gelockert.
Eines der vier Ämter für religiöse Angelegenheiten der Sowjetunion wurde in Baku gegründet. Alle georgischen Muslime, seien sie Sunniten oder Schiiten, wurden ihm unterstellt. Die Perestroika gewährte eine grössere religiöse Freiheit, von der sowohl die Kirche als auch alle Glieder des georgischen Islam profitierten. Und seit der Zeit vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelten sich die Beziehungen zwischen dem lokalen Islam und ausländischen islamischen Organisationen, besonders mit dem Iran und der Türkei.
Da verlässliche Statistiken fehlen ist es schwierig, genauere Angaben über die Zahl der gegenwärtig in Georgien lebenden Muslime zu machen. Mehr oder weniger unparteiische Studien sprechen von 640.000 im Jahr 1989, d.h. 12 % der Gesamtbevölkerung.
Es scheint, dass die Tendenz aufgrund der bedeutenden Migration unter den verschiedenen islamischen Bevölkerungsgruppen, sinkend ist, vor allem der Aseris, die aus wirtschaftlichen Gründen nach Russland oder aus familiären Gründen nach Aserbaidschan auswandern wollen.
Die georgischen Mescheten spielen heute eine untergeordnete Rolle
Ausser den zwei wichtigsten islamischen Gemeinschaften, den Adscharen und den Aseris, gibt es noch andere, kleine ethnische Gruppen von Muslimen.
Einen wesentlichen Bestandteil des Islams in Georgien bildeten bis zum Zweiten Weltkrieg die Mescheten, eine Gruppe mit unscharfen ethnischen Grenzen, d.h. zwischen Türken und Georgiern. Im Südwesten des Landes, in der Provinz Meschetien (oder Akhaltshikhe unter den Ottomanen) gelegen, wurde diese türkische Minderheit in grosser Zahl 1944 auf Anordnung Stalins deportiert (ungefähr 100.000 Personen), der ihre mögliche Kollaboration mit den Deutschen und ihren potentiellen türkischen Verbündeten befürchtete.
Seit ihrer Verbannung (Usbekistan, Kasachstan und Kirgistan) haben die Mescheten, die sich als Ahiska Turkleri (Türken der Provinz Ahiska, Akhaltiskhe) bezeichnen, nicht aufgehört, die Rückkehr in ihre Heimat zu fordern.
Mit Beginn der Perestroika, und vor allem nach den ethnischen Zusammenstössen zwischen Usbeken und Mescheten in der Stadt Fergana, haben letztere verstärkt auf ihr Rückkehrrecht gepocht.
Die nationalistische Regierung unter Swiad Gamsachurdia und auch die seines Nachfolgers Eduard Schewardnadse, haben sich diesen Forderungen aus politischen, nationalistischen und geopolitischen Gründen verweigert.
Wenn eine Handvoll Familien das Recht erhielt, nach Georgien zurückzukehren, wurde nur wenigen von ihnen erlaubt, sich in der historischen Region von Meschetien niederzulassen, während die überwiegende Mehrheit der sunnitischen Mescheten in Russland oder in Aserbaidschan angesiedelt wurde. Da die georgische Regierung eine gewalttätige Reaktion der sich 1944 in den entleerten meschetischen Dörfern niedergelassenen Georgier befürchtete, bemühte sie sich, die Aktivitäten der meschetischen Vereinigungen zu unterbinden, die sich für die Rückkehr in die historischen Gebiete engagierten. Daher ist der meschetische Teil des Islam in Georgien praktisch unbedeutend, im Gegensatz zum relativ dynamischen Islam der Mescheten, die in Aserbaidschan und in Russland leben.
Der abchasische Islam hofft auf einen Neuanfang…
Eine andere minoritäre islamische Gruppe bilden die Abchasen, die verstreut in der abtrünnigen Region Abchasien und in Städten Georgiens leben.
Zum Teil sind sie unter der Herrschaft der Ottomanen während des 17. und 18. Jahrhunderts zum Islam übergetreten. Nach 1860, mit dem Rückzug der Ottomanen und angesichts des russischen Vorstosses im Kaukasus ist ein Grossteil der abchasischen Muslime (wie auch Muslime anderer kaukasischer Völker) in den Süden, in die ottomanischen Städte, emigriert.
Während der Sowjetzeit wurde der abchasische Islam schwächer, aber es macht den Anschein, dass seit dem Ende der UdSSR die Herstellung von Beziehungen zwischen Abchasen aus Georgien und Nachfahren von Abchasen, die in die Türkei auswanderten, einen gewissen islamischen Neubeginn herbeigeführt hat.
…während die Kistiner im Pankissital die katastrophalen Wirkungen des Tschetschenienkriegs zu spüren bekommen
Ebenfalls von geringer Bedeutung ist der kistinische Islam, eine ethnische Minderheit, die zur Gruppe der Wainachen gehört, also den Tschetschenen und den Inguschen sehr nahe steht.
Diese Gemeinschaft von etwa 12.000 Personen, die schon seit langer Zeit im Pankissital im Nordosten Georgiens lebt, wurde sehr stark durch islamische Bruderschaften geprägt, vor allem durch die Qadiriyya (die von Kunta Hadschi im 19. Jahrhundert gegründet wurde) und die Nakchibendiyya (die in den kistinischen Dörfern von einem aserischen Mystiker namens Isa Efendi 1909 eingeführt wurde).
Der kistinische Islam spürt seit etwa einem Jahrzehnt die schlimmen Folgen des Kriegs der tschetschenischen Unabhängigkeitskämpfer gegen die russische Armee. Die Ausweitung des tschetschenischen Konflikts, der den tschetschenischen Islam radikalisiert und der Zustrom von Flüchtlingen in das Pankissital üben einen starken Druck auf die Kistiner aus.
Man vermutet, dass es die Kombination dieser Faktoren ist, die zu einem neuen Radikalismus bei den Kistinern führte, der zu Unrecht oft als «Wahhabismus» bezeichnet wird, aber komplexer ist als es scheint.
Da sie vermutet, dass gewisse tschetschenische Unabhängigkeitskämpfer Zuflucht in kistinischen Dörfern des Pankissi gefunden haben, fordert die föderale russische Regierung regelmässig die georgische Regierung drohend auf, auf ihrem Territorium einzugreifen, um die kämpfenden Gruppen zu neutralisieren. Isoliert in seinem Tal, unterhält der kistinische Islam sehr wenige Kontakte mit den andern Formen des Islam, der in Georgien mit seinen dominanten Formen vor allem bei den Adscharen und den Aseris gegenwärtig ist.
Koranschulen in Georgien!
In der Sowjetzeit war eine islamische Ausbildung für die Muslime in der ganzen Sowjetunion nur in zwei Städten möglich, in Buchara und Taschkent, die für ihre Koranschulen berühmt waren. Die Mehrzahl der islamischen Geistlichen, die jetzt über 40 Jahre alt sind, wurde hier ausgebildet.
Auch im Georgien der Sowjetzeit begaben sich die Muslime nach Mittelasien, um von einer islamischen Ausbildung zu profitieren. Parallel zu diesen offiziellen (und überwachten) Ausbildungsstätten existierten kleinere informelle Schulen in Pilgerorten und kleinen, nicht offiziellen Moscheen. So hatten gewisse ältere religiöse Führer kleine Zirkel von Studenten, oft nicht über zehn Personen, die sie auf nicht offizielle Art ausbildeten.
Nach der Unabhängigkeit entstanden in den Ländern der alten islamischen Kultur, wie Usbekistan, Tadschikistan oder Aserbaidschan, Koranschulen und islamische Universitäten.
In Aserbaidschan wurden nach Erreichen der Unabhängigkeit eine theologische Fakultät mit türkisch-sunnitischer Richtung und eine islamische Universität mit iranisch-schiitischer Richtung gegründet. Diese Schulen ziehen Studenten aus dem ganzen Kaukasus an, Georgien inbegriffen. Aber das bedeutet nicht, dass es unmöglich ist, eine islamische Ausbildung in diesem Land zu bekommen. Auch wenn sie nicht bedeutend und klein sind, so gibt es doch Koranschulen, wo es möglich ist, eine wertvolle islamische Ausbildung zu bekommen.
Ausser den türkischen und den iranischen Gründungen, die in den Aseri sprechenden Regionen des Landes errichtet wurden, die eine islamische Basisausbildung verbreiten, gibt es auch in Tbilissi eine kleine theologische Fakultät, gegründet von einer karitativen Stiftung aus dem Iran, die mit der Stiftung Iman liiert ist.
Auch im kleinen Dorf Kosali, das an der aserbaidschanisch-georgischen Grenze liegt und 30 km von Marneuli entfernt ist, wurde eine kleine türkische Medrese (Koranschule) von Nakschibendi gegründet, türkischen Schülern des Osman Nuri Tobpa, deren Tätigkeiten in Aserbaidschan jedoch bedeutender sind. Diese Medrese sunnitischer Richtung nimmt auch schiitische Kinder auf, die wenig über das sunnitisch-schiitische Schisma wissen und zu echten Sunniten werden, nachdem sie das Diplom dieser Medrese bekommen haben.
Sunniten und Schiiten leben zusammen, ohne sich miteinander zu vermischen
Obwohl alle Muslime des Landes eigentlich unter ein und derselben Verwaltung stehen müssten (die zentrale Moschee von Tbilissi, die Hadschi Ali unterstellt ist, der seinerseits von Scheich Ul Islam von Baku, Allahschukur Pachazadeh ernannt wurde), existieren faktisch zwei «Islam», und folglich zwei muslimische Gemeinschaften in Georgien nebeneinander: die mehrheitlich schiitischen Aseri und die überwiegend sunnitischen Adscharen.
Verbindungen zwischen den beiden Gemeinschaften gibt es praktisch nicht, wenn man von den wenigen Gläubigen absieht, die gelegentlich gemeinsam in der grossen Moschee von Tbilissi beten, die genügend gross ist und es beiden Glaubensgemeinschaften erlaubt, sich zu versammeln
Die fehlende Einheit des Islam in Georgien bewirkt, dass die beiden Schulen nicht die gleichen Forderungen an die Zentralregierung stellen.
Für die schiitischen Aseri sind die Forderungen weniger religiöser als wirtschaftlicher Natur wegen der Verschlechterung ihrer Situation seit der Unabhängigkeit des Landes. Religiöse Fragen werden an erster Stelle an Baku und an das Amt für religiöse Fragen, das seinerseits die Entscheide über die Probleme seiner schiitisch-aserischen Minderheit an Tbilissi weiter reicht.
Die adscharischen Muslime dagegen, die nicht wie die Aseri eine ethnische Minderheit bilden, haben ein anderes Verhältnis zum georgischen Staat.
Als Muslime, aber Georgier, sind sie in einer schwierigen Position, denn der Zentralstaat ermuntert die adscharischen Muslime, zum Christentum überzutreten, das als «eigentliche» Religion der Georgier gefördert wird.
Die Politik des Staates in der Erziehung und in der Förderung des nationalen Selbstbewusstseins predigt offen die Verbreitung des Christentums im Lande, aber das bedeutet nicht unmittelbar, dass man der Kirche die Aufgabe für die Bekehrungen und konfessionellen Übertritte abtreten möchte.
Generell ist das Hauptproblem, das sich heute in Georgien, wo die Ideologie des neuen Staates auf der Vergangenheit und den christlichen Werten des Landes beruht, stellt, die Marginalisierung wichtiger Minderheiten, die nicht christlich sind.
Nächste Woche: Die Aseri von Georgien strecken ihre Arme zum Iran aus [2/3]
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