Gibt es Platz für den Islam im christlichen Georgien von Michail Saakaschwili? [2/3]
Artikel erschienen am 18/08/2005
Von Bayram BALCI
in Tiflis, Batumi, Marneuli, Pankisi
Ubersetzt von Nicolas LANDRU
Zweiter Teil : Die Aseris in Georgien öffnen sich dem Iran
Sie sind etwa 300.000. Die aserische Bevölkerung Georgiens konzentriert sich auf die Region Kwemo Kartli, besonders auf die Städte Bolnisi, Marneuli und Dmanisi. Damit leben die Aseris in einer strategisch besonders wichtigen Region an der Grenze zu Armenien und Aserbaidschan. Das ehemals friedliche Leben der Sowjetzeit ist für Kwemo Kartli, das heute an der Schnittstelle der wichtigsten Versorgungsachsen für Öl und Gas vom Kaspischen Meer liegt, darunter insbesondere die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, längst Vergangenheit.
1992-93 war die Region im Zusammenhang mit dem Krieg um Nagorno-Karabach sogar Schauplatz für Auseinandersetzungen zwischen Aseris und Armeniern.
Die Führer der Gemeinschaft bleiben standhaft: die aserische Minderheit Georgiens soll sich heute mit der neuen nationalistischen Politik von Tiflis gegenüber den nicht-georgischen Bevölkerungen auseinandersetzen. Tatsächlich haben die Konflikte, die nach dem Zusammenfall der Sowjetunion ausgebrochen sind, besonders in Abchasien und in Südossetien, die Regierung in Tiflis traumatisiert; infolgedessen neigt Tiflis dazu, Minderheiten als Hindernis für den Aufbau der georgischen nationalen Identität anzusehen.
Allgemein leidet die politische Kultur Georgiens an der Dialektik von Gastgeber und Gast, nach der die Minderheiten von den Machthabern als Gäste ihrer georgischen Gastgeber betrachtet werden, die sich dementsprechend der Lebensweise der Bevölkerungsmehrheit anpassen sollen.
Somit empfinden sich die Aseris in Georgien stark marginalisiert, auch wenn das sachlich nicht begründet ist: Das gilt vor allem im Bereich der Landprivatisierung, ein Prozess, bei dem sich die Aseris übergangen fühlen. Das Land, auf dem die Aseris leben, ist Grenzgebiet und wurde deshalb nicht privatisiert.Tatsächlich fürchtet Tiflis, dass eine „ausländische Minderheit“ zu separatistischen Aktionen, die die territorialische Einheit des Landes bedrohen, ermutigt würde, wenn sie in Besitz des Landes wäre.
Mangel an religiösen Führungskräften
Die Region hat lang zum sefiwidischen iranischen Königreich gehört, und deshalb wurde sie unter den direkten Einfluss des duodezimanischen schiitischen Islam gestellt, welcher als offizielle Religion des Königreiches seit Schah Ismail Hetayi galt. Unter Schah Abbas im 17. Jahrhundert hat die territoriale Expansion der Sefiwiden im Kaukasus den Schiismus verbreitet. Unter dem sefiwidischen Königreich war der Islam sehr hierarchisch geprägt, und der Klerus war an der politischen Macht beteiligt.
Aber seit 1828, als Russland den ganzen Kaukasus in sein Territorium eingliederte und der Fluss Araxe die Grenze zum Iran bildete, wurde der schiitische Islam im heutigen Aserbaidschan und in Georgien von den großen schiitischen theologischen Zentren in Iran und Irak abgeschnitten. Die sowjetische Herrschaft hat diese Trennung zwischen dem schiitischen Islam im Kaukasus und im Iran verstärkt, vor allem insofern, als die abgeriegelten Grenzen Wallfahrten zu den schiitischen Städten Kerbala, Maschad, Najaf und Qom unmöglich gemacht hatten.
Kurz vor der Unabhängigkeit Aserbaidschans und Georgiens befand sich der Islam in einer geschwächten Lage.
Wenig strukturiert und schlecht organisiert, hatte er kaum Einfluss auf die Bevölkerung, die stark durch den von der Sowjetunion aufgezwungenen staatlichen Atheismus geprägt war. Seit 1991 zeigt sich, inwieweit der lokale Islam am Mangel an ausgebildeten Führungskräften und Theologen leidet, die sinnstiftend auf die religiösen Fragen der Bevölkerung antworten könnten. Dieser Mangel an religiösen Führungskräften und die Schwäche des Islam hinsichtlich seiner Ideen und seiner Organisation wurde jedoch rasch durch die Wiederaufnahme der Beziehungen zu den muslimischen Nachbarländern des Kaukasus kompensiert. Für die georgischen Schiiten wie für ihre Geistesbrüder in Aserbaidschan kam der erste und wichtigste Einfluss aus dem Iran – nicht überraschend, da beide Seiten des Araxe die gleiche Vergangenheit und den gleichen Glauben teilen.
Wiedereroberung der Seelen
Während der letzten Jahre der Sowjetunion begannen iranische Missionare im Kaukasus damit, die schiitischen Bevölkerungen, die seit Jahrzehnten unter atheistischer Propaganda standen, „wieder zu islamisieren“.
Sehr schnell wurden die Moscheen wieder eröffnet, informelle Madrasas geschaffen, zahlreiche Werke aus dem Persischen auf Aseri übersetzt und im ganzen aserischen Raum veröffentlicht. Ebenso erfuhren die Pilgerfahrten zu den heiligen Städten des Schiismus, wie Kerbala und Najaf (vor der amerikanischen Invasion in Irak), aber auch Qom und Mashad in Iran, einen raschen Aufschwung.
Übrigens begannen die jungen Kaukasier schon 1991 damit, in die Universitäten der arabischen Welt, des Irans und der Türkei zu drängen, während in der Sowjet-Zeit die Zentren für islamische Studien in den sowjetischen Madrasas von Taschkent und Buchara lagen. Unter den Schiiten in Aserbaidschan und in Georgien fahren Hunderte von Jugendlichen nach Qom und Maschad, einige auch nach Teheran und Qazwin, um dort Theologie zu studieren. In der Hawza von Qom – eine Art islamischer Campus – empfangen zwei Madrasas, Imam al Komeniw und Madrasatul Huija, einige Dutzend schiitischer aserischer Studenten aus Georgien.
Diese Wiederaufnahme jener Beziehungen ermöglicht es den kaukasischen Schiiten, langsam wieder in die internationale schiitische Gemeinschaft integriert zu werden.
Iranische Geistliche in Tiflis
Sehr wenige aus der schiitischen Gemeinschaft in Georgien (und in Aserbaidschan) befanden sich vor 1991 in der Realität des Schiismus. Aber schon seit 1992 kamen die wichtigsten Mujtahid und Marja’i taqlid, Geistliche, die die heiligen Texte lehren und interpretieren können, in die Länder des Kaukasus. So kann man heute in Georgien Vekilen antreffen, Vertreter dieser wichtigsten Personen des Schiismus.
In Tiflis, in der Straße mit der einzigen Moschee der georgischen Hauptstadt, in einem Viertel, wo die Mehrheit der 10.000 Aseris der Stadt wohnt, befindet sich die Iman-(Glaube-)Stiftung, die von einem iranischen Geistlichen und seinem Assistenten, einem Aseri aus Georgien, geführt wird. Mit ihrem legalen Status bietet die Stiftung den Gläubigen eine kleine Bibliothek an, welche vor allem Übersetzungen schiitischer Literatur aus dem Persischen enthält, sowie ein kleines Konferenzzimmer, wo manchmal religiöse Debatten stattfinden.
In Marneuli, einer der bedeutendsten Mujtahid der schiitischen Welt
In der Stadt Marneuli, wo die große Mehrheit der Bevölkerung aserisch ist, gibt es eine ähnliche Stiftung, die "Ahli Beyt" heißt. Diese arabische Bezeichnung bezieht sich auf die Familie des Propheten und seine direkten Nachkommen.
Die Stiftung ist sehr aktiv, besser strukturiert und wird mehr besucht, da sie sich in einer aserisch-schiitischen Stadt befindet. Außer dem Arabisch- und dem schiitischen Religionsunterricht bietet sie der Bevölkerung Englisch-, Informatik- und Georgischkurse an, um den Jugendlichen zu helfen, sich besser im unabhängigen Georgien zu integrieren. Ein anderer Mujtahid (der auch Marja’i taqlid, Inspirationsquelle, ist), der heutzutage als der wahrscheinlich bedeutendste in der schiitischen Welt gilt, führt diese Stiftung. Er heißt Sistani; man kann seine Werke, die aus dem Arabischen auf Aseri übersetzt wurden, leicht auf dem Markt der Stadt oder in der Moschee und natürlich in der Bibliothek der Stiftung finden. Eine der Kompetenzen des Marja’i taqlids ist sein Recht, die chamsa, die schiitische Steuer, einzusammeln, d.h. ein Fünftel von dem, was dem Gläubigen an Geld übrig bleibt, nachdem er seine Ernährungs- und Kleidungsbedürfnisse befriedigt hat.
Diese Steuer wird von den Vekilen, den Vertretern des Marja’i taqlids, nicht eingesammelt , da die theologische Debatte darüber sehr komplex ist. Sie widerspricht nämlich den Säkulargesetzen dieser Länder; und da sich die Lokalbevölkerungen in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage befinden, ist es nicht denkbar, eine Steuersammlung unter den Schiiten in Aserbaidschan und Georgien durchzuführen.
Der Einfluss von Lenkerani, dem religiösen Führer von Qom, im Kaukasus
Ohne einen einzelnen Vekil oder ein Büro in den schiitischen Städten Georgiens hat anscheinend ein anderer Marja’i taqlid, Fazil Lenkerani, hohen Einfluss über die Schiiten von Marneuli, Bolnisi, Dmanisi und Tiflis gewonnen. Dieser Gelehrte, über 75 Jahre alt, ist in Aserbaidschan sehr beliebt; sein Glanz und sein Ruf begründen sich auf die Tatsache, das er aus einer aserischen Familie aus Lenkeran stammt, die in den 20er Jahren in den Iran emigrierte.
Lankerani hat sich eine Gruppe von Gefolgsleuten in Aserbaidschan und in Georgien aufgebaut, und zwar dank Hunderter von Studenten aus dem Kaukasus, die seit langem und bis heute zum Thelogiestudium nach Qom gehen. Er gilt auch als einer der beliebtsten religiösen Führer in der Hawza von Qom im Iran. Nachforschungen zufolge, die in Qom durchgeführt wurden, ist sein Einfluss auf junge Studenten sehr bedeutend. Diese verbreiteten nach ihren Studien in Qom seine Ideen in den schiitischen Regionen des Kaukasus.
Baku hat den lokalen Islam in Georgien nicht unter Kontrolle
Theoretisch sind alle Moscheen und religiösen Vereine in den aserischen Städten Georgiens prinzipiell der Kontrolle der Behörde für geistliche Belange in Baku unterstellt, welche von Scheich ul Islam Allahshukur Pachazadeh geleitet wird. Dieser Mann ernennt in Tiflis den jungen Achund, der Verantwortlicher für den Islam in Georgien ist; tatsächlich bleibt die Kontrolle Bakus über den lokalen Islam sehr relativ.
Nicht alle Moscheen und religiösen Vereine sind bei der Behörde für geistliche Belange in Baku angemeldet, obwohl sie das theoretisch müssten. Lokalinitiativen, die manchmal von ausländischer Hilfe unterstützt werden, bauen Moscheen ohne Erlaubnis aus Baku.
Die theoretische Vormundschaft Bakus auf den georgischen Islam ergibt sich aus den guten Beziehungen zwischen Georgien und Aserbaidschan, doch ist die Kontrolle längst nicht umfassend, vor allem wenn es um den Islam in Adscharien geht, da diese Region geographisch und religiös sehr weit vom aserischen Islam entfernt ist.
Nächste Woche: Adscharien, neue Predigererdefür türkische Missionare [3/3]
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